Jede Cloud-Migration beginnt gleich: optimistische Zeitpläne, ambitionierte Kosteneinsparprojektionen und eine Vision von elastischer Skalierbarkeit. Viele teilen auch das gleiche mittlere Kapitel: verpasste Deadlines, Budgetüberschreitungen und die gefürchtete "wir hätten das besser planen sollen"-Erkenntnis. So schreiben Sie eine andere Geschichte.
Warum Cloud-Migrationen scheitern
Bevor wir uns dem Erfolg widmen, lassen Sie uns verstehen, warum so viele Migrationen kämpfen. In unserer Erfahrung mit DACH-Unternehmen sind die Fehlermuster bemerkenswert konsistent:
- Unterschätzung der Komplexität: Anwendungen haben versteckte Abhängigkeiten, die erst mitten in der Migration auftauchen
- Alles per Lift-and-Shift: Probleme in die Cloud zu verschieben schafft nur cloudbasierte Probleme
- Menschen ignorieren: Technische Migration gelingt, aber Teams können die neue Umgebung nicht betreiben
- Kostenüberraschungen: Cloud-Rechnungen, die die "Einsparungs"-Projektionen übersteigen
- Sicherheit als Nachgedanke: Compliance-Lücken, die nach der Migration entdeckt werden
Die erfolgreichsten Cloud-Migrationen, die wir begleitet haben, waren nicht die schnellsten. Sie waren die am besten vorbereiteten.
Phase 1: Discovery und Assessment
Bevor Sie irgendetwas verschieben, brauchen Sie vollständige Sichtbarkeit dessen, was Sie verschieben. Diese Phase dauert typischerweise 4-8 Wochen für mittelständische Unternehmen.
Anwendungsportfolio-Analyse
Katalogisieren Sie jede Anwendung mit ihrer Geschäftskritikalität, technischen Architektur und Abhängigkeiten. Für jede Anwendung bestimmen Sie:
- Geschäftswert: Umsatzauswirkung, Benutzerzahl, strategische Bedeutung
- Technische Schulden: Alter, Wartbarkeit, Dokumentationsqualität
- Cloud-Readiness: Stateless vs. Stateful, Skalierungsanforderungen, Datenresidenz-Bedürfnisse
- Abhängigkeiten: Womit verbindet sie sich? Was verbindet sich mit ihr?
Datenklassifizierung
Deutsche Datenschutzanforderungen machen dies kritisch. Klassifizieren Sie alle Daten nach Sensibilität, regulatorischen Anforderungen und Residenzbeschränkungen. Einige Daten müssen möglicherweise vor Ort oder in bestimmten geografischen Regionen bleiben.
Kosten-Baseline
Dokumentieren Sie die aktuellen Infrastrukturkosten vollständig: Hardware, Softwarelizenzen, Einrichtungen, Strom, Personal. Ohne eine genaue Baseline können Sie den Migrationserfolg nicht messen.
Phase 2: Strategieauswahl
Die berühmten "6 Rs" bieten einen Rahmen für die Entscheidung, was mit jeder Anwendung zu tun ist:
Rehost (Lift and Shift)
Anwendungen unverändert in die Cloud-Infrastruktur verschieben. Schnell, aber nutzt keine cloud-nativen Vorteile. Am besten für: Anwendungen mit kurzer Restlebensdauer oder als erster Schritt vor der Optimierung.
Replatform (Lift and Reshape)
Gezielte Optimierungen während der Migration vornehmen—wie der Umstieg auf verwaltete Datenbanken—ohne vollständige Umstrukturierung. Am besten für: Anwendungen, die von Managed Services profitieren, aber keinen kompletten Rewrite rechtfertigen.
Refactor (Re-architect)
Anwendungen als cloud-native neu gestalten, mit Microservices, Containern und Serverless-Komponenten. Am besten für: strategische Anwendungen, die Skalierbarkeit und Agilität benötigen.
Repurchase (Mit SaaS ersetzen)
Custom- oder Paketanwendungen durch SaaS-Äquivalente ersetzen. Am besten für: Commodity-Funktionen, bei denen Differenzierung keine Rolle spielt.
Retain
Vor Ort behalten, zumindest vorerst. Am besten für: Anwendungen mit harten regulatorischen Anforderungen oder solche, die zur Stilllegung geplant sind.
Retire
Anwendungen außer Betrieb nehmen, die nicht mehr benötigt werden. Migration ist eine ausgezeichnete Gelegenheit, aufzuräumen.
Phase 3: Planung der Migrationswellen
Versuchen Sie nicht, alles auf einmal zu migrieren. Gruppieren Sie Anwendungen in Wellen basierend auf Abhängigkeiten, Risiko und Lernmöglichkeiten.
Welle 1: Foundation
Beginnen Sie mit risikoärmeren Anwendungen, die Ihrem Team helfen, Cloud-Expertise aufzubauen. Dev/Test-Umgebungen, interne Tools, neue Greenfield-Projekte. Erfolg hier baut Vertrauen und Fähigkeiten auf.
Welle 2: Quick Wins
Anwendungen mit klaren Cloud-Vorteilen und handhabbarer Komplexität. Jeder Erfolg baut Momentum und organisatorische Unterstützung auf.
Welle 3-N: Kernsysteme
Geschäftskritische Anwendungen, die sorgfältige Planung und Ausführung erfordern. Bis dahin hat Ihr Team Erfahrung und bewährte Prozesse.
Planen Sie sechs Monate, um Ihre erste Produktions-Workload gut zum Laufen zu bringen. Planen Sie zwei bis drei Jahre für die vollständige Migration komplexer Umgebungen.
Phase 4: Aufbau der Landing Zone
Bevor Sie Anwendungen migrieren, etablieren Sie Ihr Cloud-Fundament:
- Account-/Subscription-Struktur: Separate Umgebungen, Geschäftseinheiten, Kostenstellen
- Netzwerkarchitektur: VPCs, Konnektivität zu On-Premises, DNS-Strategie
- Identität und Zugriff: Integration mit Unternehmensverzeichnis, Rollendefinitionen
- Sicherheits-Baseline: Logging, Monitoring, Leitplanken, Compliance-Kontrollen
- Kostenmanagement: Budgets, Alarme, Tagging-Standards
Diese Fundamentarbeit erscheint langsam, verhindert aber später Chaos. Sicherheit und Governance nachträglich in eine bereits migrierte Umgebung einzubauen ist schmerzhaft und teuer.
Phase 5: Migrationsausführung
Mit abgeschlossener Vorbereitung folgt die eigentliche Migration einem wiederholbaren Muster:
Für jede Anwendung:
- Detailliertes technisches Design: Wie genau wird das in der Cloud laufen?
- Aufbau und Konfiguration: Infrastructure as Code, nicht Click-Ops
- Datenmigration: Gründlich testen—Datenprobleme verursachen die meisten Rollbacks
- Testing: Funktional, Performance, Sicherheit, Disaster Recovery
- Cutover-Planung: Rollback-Verfahren, Kommunikationsplan, Erfolgskriterien
- Go-live und Stabilisierung: Intensives Monitoring, schnelle Reaktion auf Probleme
Phase 6: Optimierung
Migration ist nicht erledigt, wenn Anwendungen laufen. Die ersten Monate in der Cloud sind Lernmöglichkeiten:
- Right-Sizing: Tatsächliche Nutzung entspricht selten den Vorhersagen—anpassen
- Reservierte Kapazität: Sobald Nutzungsmuster stabil sind, für Einsparungen committen
- Architekturverfeinerung: Lifted-and-shifted Komponenten durch cloud-native Alternativen ersetzen
- Automatisierung: Alles automatisieren, was Sie während der Migration manuell gemacht haben
DACH-spezifische Überlegungen
Cloud-Migration im deutschsprachigen Markt hat einzigartige Anforderungen:
Datenresidenz
DSGVO und branchenspezifische Vorschriften können erfordern, dass Daten innerhalb der EU oder sogar innerhalb Deutschlands bleiben. Alle großen Cloud-Anbieter bieten jetzt deutsche Regionen an, aber überprüfen Sie die spezifische Service-Verfügbarkeit.
Compliance-Dokumentation
Deutsche Unternehmen benötigen oft umfangreiche Dokumentation für Prüfer und Regulierer. Bauen Sie Compliance-Evidenz-Sammlung von Anfang an in Ihren Migrationsprozess ein.
Betriebsrat-Einbindung
Wenn die Cloud-Migration die Arbeitsbedingungen der Mitarbeiter betrifft oder neue Überwachungsmöglichkeiten einführt, kann eine Betriebsratskonsultation erforderlich sein. Binden Sie ihn frühzeitig ein.
Häufige Fallstricke vermeiden
- Migrieren ohne Modernisieren: Wenn eine Anwendung vor Ort problematisch ist, beheben Sie es vor oder während der Migration
- Training ignorieren: Ihr Team braucht neue Fähigkeiten—budgetieren Sie Zeit und Geld fürs Lernen
- Netzwerk unterschätzen: Cloud-Anwendungen brauchen zuverlässige, latenzarme Konnektivität
- Lizenzierung vergessen: Einige Softwarelizenzen erlauben keine Cloud-Bereitstellung oder kosten dort mehr
- Sieg zu früh erklären: Die Rechnung des ersten Monats repräsentiert nicht die Steady-State-Kosten
Erste Schritte
Cloud-Migration ist eine Reise, die in Jahren gemessen wird, nicht in Monaten. Die Organisationen, die erfolgreich sind, beginnen mit klarer Bewertung, investieren in Vorbereitung und behalten Disziplin während der Ausführung.
Wir haben DACH-Unternehmen durch jede Phase dieser Reise begleitet. Ob Sie gerade erst anfangen, Cloud-Migration zu erkunden, oder sich von einer ins Stocken geratenen Initiative erholen—wir können helfen, einen praktischen Weg nach vorne zu planen.
